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Er ist bereits Junioren-Europa- und Weltmeister. Im Sommer startet der junge Ruderer Linus Copes im Doppelvierer an der U23-WM. » Mehr dazu
25 Apr

«Eine Wettkampfschilderung der etwas anderen Art …»

Nach dem idealen Saisonstart in Arabien hatte Ruedi Wild in den letzten Wochen einige gesundheitliche Herausforderungen zu meistern. Doch die wirkliche Herausforderung erwartete Sponser-Sportler Ruedi Wild an der Challenge Roma. Spontane Streckenänderungen mitten im Wettkampf, fehlende Verpflegungsposten, Presseboote mitten im Schwimmpulk, die Liste liesse sich beliebig erweitern. Ruedi selber dazu: «Während ich mich noch vor einigen Jahren sehr erbost und aufgeregt hätte, dass so etwas an einem Profi-Rennen überhaupt vorkommt, kann ich schon wenige Tage nach dem Wettkampf darüber lachen.»

«Über zwei Wochen verbrachte ich mit der Grippe, letztlich Antibiotika und zahlreichen Medis im Bett. Auch trainingsmässig lief anschliessend erstmals gar nichts mehr, bis mein Körper wieder einen Rhythmus fand. Noch bevor es richtig los ging, musste ich daher meine Saisonplanung ändern und den Ironman in Südafrika gezwungenermassen absagen. Stattdessen habe ich mich entschieden, nächstes Wochenende am Ironman in Texas zu starten. Die Vorbereitung dazu ist immer noch sehr knapp bemessen – insbesondere auch aufgrund der starken Konkurrenz, auf die ich dort in Houston treffen werde. Das Race wir als US-Championships gewertet und ist somit die höchste Ironman Stufe gleich nach Hawaii.

Die Challenge Roma vom letzten Wochenende, welche über die halbe Distanz führte, schien hier kurzfristig gerade recht als letzter wettkampfmässiger Testlauf. Vor allem die zweistündige harte Radbelastung, im Training kaum zu simulieren, ist eine ideale Vorbereitung für die 180 km Radfahren im Ironman. Aber auch beim Schwimmen und Radfahren bewegen wir uns in einer höheren Intensitäts- bzw. Geschwindigkeitsstufe und in der Folge sollte sich die Pace im Ironman leichter anfühlen… Endlich einmal würde ich auch die Gelegenheit kriegen, die Stadt Rom zu besichtigen, nachdem ich mich in der Schulzeit über sechs Jahre mit Latein und Übersetzungen der alten Römer und ihren Geschichten beschäftigen durfte.

Als gestandener Profi-Athlet mit einigen Resultaten bekomme ich mittlerweile bei den meisten internationalen Wettkämpfen etwas Reiseunterstützung vom Veranstalter. Unterkunft, Abholung vom Flughafen und teils sogar etwas Beteiligung an den Flugkosten. Im Gegenzug machen sie Werbung mit uns für ihre Veranstaltungen und wir stellen uns für verschiedene Aktivitäten wie bspw. für Pressekonferenzen zu Verfügung.
Die Kommunikation im Vorfeld war etwas herausfordernd, aber nach neun ausgetauschten Emails bekam ich endlich doch noch Bescheid, dass ich keine Unterkunft bekommen würde. Wobei, ehrlich gesagt, letztlich noch der Campingplatz angeboten wurde, rund 20 km oder 40 Fahrminuten vom Wettkampfort entfernt. Bei der Buchung von 5 Nächten über ihre verwandte Agentur würden sie bei mir die eine Nacht grosszügigerweise übernehmen. Ich lehnte dankend ab, im Gegensatz zu einigen meiner Profi-Kollegen (die mir dann dafür erlebnisreiche Wildwestgeschichten erzählen konnten). Die versprochene und vereinbarte Abholung am Flughafen klappte leider auch nicht, obwohl ich meine Flugdaten gleich an zwei verschiedenen Personen vom Veranstalter mitteilen musste. Aber dafür gab es dann etwas Wirtschaftsförderung für die Taxi-Branche, wohl einer der florierendsten Wirtschaftszweige um Rom herum. Bei allen angefragten Taxis war der Taxometer ausgestiegen und stattdessen wurde ein Pauschalpreis von 50 Euro angeboten für die 10-minütige Fahrt – nach längerem Diskutieren und Verhandeln wurde der Preis dann doch noch leicht angepasst, dafür aber nur gegen Bargeld und ohne Beleg.

Heute gibt’s dank dem Internet private Unterkünfte über AirBnB zu buchen. Vor allem dann ideal, wenn man mit der Familie bzw. Kind und Kegel unterwegs ist und etwas mehr Platz benötigt als ein Zelt, um als das Wettkampfequipment sicher unterzubringen. Auf die soziale Komponente des Campingplatzes muss man dagegen auch hier nicht verzichten – dank der Bauweise der Häuser und dem Temperament und Charme der Italiener. Nach wenigen Stunden fühlt man sich als Teil der Nachbarschaft und kann diese bereits aufgrund der Geräusche und Gespräche in ihren Wohnungen unterscheiden.

Wie gewöhnlich fand am Vorwettkampftag das Briefing/Wettkampfbesprechung für die Pro-Athleten statt. Pünktlich zehn Minuten zu spät ging es los und bei der Präsentation wurde alles detailliert erwähnt, wie auch im Veranstalterheft aufgeschrieben – von der Pasta Party bis zu den Aktivitäten, die bereits an den Vorwettkampftagen stattgefunden hatten. Effizienz war grossgeschrieben, daher waren am Ende der 45minütigen Präsentation nur zwei Fragen von uns gestattet (was normalerweise eigentlich der zentrale Teil des Race Briefings darstellt). Die Veranstaltung sollte nicht unnötig in die Länge gezogen werden. Aufgrund der zahlreichen Unklarheiten standen einige Fragen im Raum, aber selbst bei den zwei gestellten erfuhren wir keine verbindliche Antwort – die Beantwortung von diesen könne einzig von offiziellen Wettkampf-OK Personen kommen, wobei hier leider niemand anwesend war.
Anstelle wie üblich bei aufgehender Sonne bzw. Tageslicht geht es in Italien (und i.d.R. auch Spanien) meist erst am Mittag los mit den Triathlons. Das schätze ich sehr, denn Sonntag am Morgen gegen 3 oder 4 Uhr aufzustehen, ist nicht wirklich sehr motivierend. Da präferiere ich ein ausgedehntes Frühstück und den Cappuccino mit Lektüre der Sonntagszeitung, bevor es an den Sonntags-Dienst geht. Ich wollte mein Rad frühmöglich einchecken in der Wechselzone, was leider aufgrund des verzögerten Zeitplanes nicht möglich war. Drei Stunden vor dem Wettkampf waren noch nicht einmal die Vorrichtungen dafür aufgestellt! Aber nun herrschte zumindest emsiges Treiben.

Zusammen mit rund fünfzig weiteren Profi-Athleten stürmte ich mittags in die 15-grädigen Fluten des Mittelmeeres. Zum Glück ist im Wettkampf das Temperaturempfinden etwas anders als gewöhnlich! Es ging ziemlich ruppig zu und her, doch dies ist ja Bestandteil der ersten paar Wettkampfminuten. Das Begleitboot mit Presseleuten und Fotografen war ideal positioniert nach ca. 500 m Schwimmdistanz. In beeindruckender und spektakulärer Weise konnte da wohl festgehalten werden, wie wir uns beidseitig ums Boot rumschlagen mussten, da dieses genau in unserer Schwimmlinie stationiert war. Meine Schwimmleistung ging in Ordnung und ich kam mit den meisten Mitfavoriten circa 40 Sekunden hinter der Spitze aus dem Wasser. Auf dem Rad versuchte ich sogleich Druck zu machen und mich nach vorne zu orientieren. Die ersten Kilometer musste ich mich jedoch auch sehr darauf konzentrieren, zumindest den grössten Schlaglöchern etwas ausweichen zu können. Die schnellen Carbonräder und mein Zeitfahrrad bestanden den praktischen Belastungstest glücklicherweise mit Bravour und stellten sich auch als äusserst resistent heraus! Die Beine drehten besser als erwartet und auch das Wattsystem bestätigte auf objektive Weise mein Empfinden. Nach einem Drittel der Strecke waren sämtliche Konkurrenten bis auf die zwei Führenden eingeholt, doch abschütteln konnte ich diese auf der komplett flachen Strecke nicht. Normalerweise dehnt sich die Konkurrenz mit zunehmender Renndistanz der 90 km immer mehr aus, auch wenn bei den reglementarischen 10-m-Abstand immer noch ein Windschatteneffekt zu spüren ist. Leider waren in Rom jedoch keine Race Referees zugegen (oder zumindest so gut versteckt, dass ich keinen je sehen konnte), was sogar für mich nach so vielen Jahren ein Novum an Erfahrung war… Normalerweise kennen wir uns unter den Athleten, die vorne mitmischen, sind sogar befreundet. Und obwohl wir uns in den Wettkämpfen nichts schenken, bräuchten wir dank dem gegenseitigen Respekt voneinander wohl gar keine Referees, welche die Regeln überwachen. In Rom jedoch kannte ich fast keines dieser rund zwei Dutzend Gesichter, die sich Hinterrad an Hinterrad mit schätzungsweise fünf Meter Abstand aufreihten und auch keine Anstalten machen, daran etwas zu ändern, geschweige denn etwas wie Scham oder Ehrgefühl kannten. Die Trennung der Gruppe hätte es dann trotzdem auf eine andere Art noch fast gegeben, denn urplötzlich war die Radstrecke geändert und eine andere, als noch am Vorwettkampftag am Briefing aufgezeigt und besprochen. Zu unserer eigenen Sicherheit, wie wir in einem Infoschreiben nach dem Race zu wissen bekamen. Anscheinend musste sich der Strassenbelag beim einen Teil der Strecke über Nacht dermassen weiter verschlechtert haben, dass hier kurzfristig umdisponiert werden musste… Von weitem konnte ich erkennen, wie das Führungsmotorrad mit den zwei Leadern abbog, denn sonst hätten mich die Streckenposten auf eine weitere Runde geschickt, mit zwei Dutzend weiteren Athleten im Schlepptau… (wie übrigens geschehen bei der führenden Frau, die später entnervt aufgab).

Im Wissen um meine Laufstärke war ich trotz der Ausgangslage zuversichtlich, dass ich spätestens beim Halbmarathon noch würde Akzente setzen können um die vordersten Klassierungen. Aber es ging los wie in einem Laufwettbewerb, während normalerweise, aufgrund der Vorbelastung und der Umstellung vom Rad aufs Laufen, die Athleten von Anfang an am Leiden sind. Ich kam mir schon fast als Tourist vor, hatte keine Chance mitzugehen und konnte mich erst nach ein paar Kilometern langsam Position um Position nach vorne arbeiten. Gut verpflegen und genug Flüssigkeit aufnehmen wird mit zunehmender Wettkampfdauer immer entscheidender, um die Leistung aufrecht zu erhalten. Ich wunderte mich allmählich, weshalb die Verpflegungsstationen nie kamen und lief immer mehr in eine Dehydration hinein. Zugegebenermassen verstiess ich auch gegen das Wettkampfreglement, als ich, zunehmend verzweifelt, Hilfe von aussen in Anspruch nahm bzw. Restaurantgäste am Streckenrand dazu nötigte, mir von ihrem Wasser auf dem Tisch zu geben. Der Veranstalter hatte schlicht und einfach die Verpflegung nicht organsiert und anstatt alle 2.5km Flüssigkeit sowie Gels, Riegel, Bretzel, Bananen etc. gab es nur zwei Mal auf der ganzen Halbmarathonstrecke etwas Wasser zu trinken. Ausgeschenkt und verpflegt von EINER einzelnen Person, die offensichtlich keinerlei Erfahrung hatte. Später halfen sogar die Zuschauer noch bei der Verpflegung mit, damit sich die Mehrheit der knapp 600 Athleten überhaupt ins Ziel retten konnte. Das Rennen wurde für mich immer mehr zur Nebensächlichkeit und ich war froh, es ohne weitere Zwischenfälle oder kompletter Dehydration – letztlich als sechstklassierter – ins Ziel geschafft zu haben.

Während ich mich noch vor einigen Jahren sehr erbost und aufgeregt hätte, dass so etwas an einem Profi-Rennen überhaupt vorkommen kann (ist zum Glück aber – zumindest in diesem Ausmass – die Ausnahme), kann ich heute schon wenige Tage nach dem Wettkampf darüber lachen. Ändern lässt sich ja sowieso nichts und es stand ja auch nicht gerade die WM an. Im Gegensatz zu manch anderen Profi-Athleten habe ich dank meinen Sponsoren und Umständen das Glück, nicht von den Einnahmen eines einzelnen Wettkampfes abhängig zu sein. Generell nachdenklich stimmt mich jedoch die Reaktion der Veranstalter gegenüber uns Profi-Athleten: Wie ich über die vielen Jahre feststellen konnte, liegt sämtliche Verantwortung, unabhängig des Verschuldens, ausschliesslich beim Athleten und es hat keinerlei Konsequenzen auf Veranstalterebene. Diese scheuen sich, selber Verantwortung zu übernehmen, und mögen ihre Missstände, Vergehen gegenüber Regeln oder schlicht unprofessionelles Verhalten noch so ausgeprägt und offensichtlich sein. Beim nächsten Wettkampf kommt vieles wieder von neuem vor… Aber leider sind die Profi-Athleten im Triathlon im Gegensatz zu anderen Sportarten immer noch sehr rudimentär organisiert und haben daher auch praktisch keinerlei Einflusspotential, wie die Entwicklung in den letzten Jahren zeigt.

Trotz dieser Vorkommnisse war das Rom Wochenende ein spannendes Erlebnis. Immerhin schafft es der Wettkampf in meine Top 3 Liste der speziellen Wettkampferlebnisse – ähnlich wie mein letztes abenteuerliches Italien Erlebnis vor 3 Jahren in Rimini an der Challenge EM (der eine oder andere mag sich sicher noch an den Bericht erinnern…). Und mein post Triathlon Skriptum, mit den prägendsten Erlebnissen über all die Jahre, ist neben Krokodilen bei Schwimmtrainings, wildwestlichen Triathlonerlebnissen und gewonnenen Lebensweisheiten ein Kapitel reicher. Zur Veröffentlichung fehlt nur noch der Verlag! Vielleicht werde ich dort auch schreiben, dass ich in Rom mit 3.26 h Weltbestzeit über die halbe Distanz erzielt habe. Schliesslich wurden die Distanzen von 1.9 Swim, 90 km Rad und 21 km Laufen offiziell vom Veranstalter abgenommen. Vor allem mein Weltrekord-Radsplit von 1.45h über 90 km, dank meiner schnellen Ausrüstung, ist erwähnenswert!

Italien mit seinen herzlichen, temperamentvollen Leuten, seinem Flair, der Kultur und tollen Essen bleibt weiterhin meine präferierte Feriendestination. Wettkampfmässig jedoch werde ich zukünftig auf weitere Auftritte verzichten und meine Abenteuer sonst wo suchen. Jedenfalls bin ich nun hoffentlich nicht nur körperlich, sondern auch mental optimal auf das kommende Ironman -Wochenende in Texas eingestimmt!

Ich wünsche euch eine erlebnisreiche und erfolgreiche Saison. Always keep smiling. Bis bald, euer Ruedi.»

Fotos zVg von Ruedi Wild

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