15 Jul

«Ich bin doch nicht zum 7. Mal in Biel, um aufzugeben, oder?»

Der deutsche Ultraläufer Günther Bruhn kam beim Bieler 100-km-Lauf im Sommer 2011 arg an seine Grenzen. In seinem Erlebnisbericht lässt er die Leser an seinen Strapazen teilhaben; wie gut, dass es am Ende dann doch ein Happy End gibt!

Ich habe keinen trockenen Fetzen mehr am Leib. Ich friere. Ich laufe 10 Meter und gehe 200 Meter.

Noch keine 85 Kilometer und ich möchte mich nur noch in dicke Decken eingepackt in einen warmen trockenen Raum setzen, einen heißen Tee trinken und dann einige Stunden in einem warmen Bett schlafen.  Ich hasse den Weg an der Aare. Jedes Jahr geht es mir schlecht dort. Links die Felder, rechts die hohen Bäume und der Fluß. Ich hasse die Farbe dieses Weges und ich hasse die Schottersteine auf diesem Weg. Ich hasse die Hitze, den Staub und den Regen auf diesem Weg. Entweder brennt Dir die Sonne dort unerbittlich auf den Kopf oder der unermüdliche Regen zermürbt Dich. Oder irgendwelche dröhnenden Flugzeuge am Himmel über dem Weg an der Aare rauben dir den letzten Verstand. Oder Du rutscht auf dem matschigen Weg an der Aare aus. Oder Du erfrierst dort.

Ich werde nie wieder die 100 Kilometer von Biel laufen! Abgemacht! Versprochen!

Kein trockener Platz weit und breit.

Ich bin doch nicht zum 7. Mal in Biel um jetzt aufzugeben, oder?

Hätte ich doch nicht das TorToürchen, den 100 Kilometer-Trainingslauf letzten Samstag mit meinen Freundinnen und Freunden laufen sollen? Waren der Rennsteig-Supermarathon und der schwere 85 Kilometer Keufelskopf Ultra-Trail  mit über 3.000 Höhenmetern nur zwei Wochen später zu viel? Habe ich meinem Körper zu viel zugemutet?  Habe ich das Training für den Ultra Trail du Mont-Blanc im August übertrieben? Fragen über Fragen, die ich mir nicht beantworten kann. Ich kann sowieso nicht mehr denken. Ich habe nur einen Gedanken, den ich aber immer wieder verdränge: endlich aufhören mit dieser Quälerei! Ich brauche mir doch nichts mehr zu beweisen! Ich könnte ganz einfach hier aufhören und mich irgendwo  ins Warme und Trockene setzen!

Im vergangenen  Winter habe ich nicht gut trainiert. Der Umzug hat mich viel Kraft gekostet, im November und Dezember bin ich nur selten gelaufen, kaum einmal mehr als 12 Kilometer. In Rodgau im Januar mußte ich bereits nach 25 Kilometern wegen Knieschmerzen aufhören.

Erst kurz vor dem 25 Kilometerlauf in Eisenberg bin ich so langsam wieder in Form gekommen.

Ich habe zu wenig geschlafen, konnte erst – anders als in den Vorjahren – am Freitag nach Biel fahren, da ich beruflich ein großes Projekt eingebunden bin und ich am Freitag noch einige Stunden arbeiten mußte. Christine, Susanne und Swen haben  bereits am Donnerstagabend ihre Zelte auf dem Campingplatz in Biel aufgeschlagen.

Ich freue mich sehr darauf, meine Freundinnen und Freunde in Biel wiederzusehen. Vieles ist anders in diesem Jahr, ich bin sehr gespannt auf die Veränderungen.

Erst gegen 15 Uhr treffe ich in Biel ein. An Schlaf ist nicht zu denken, ich bin zu aufgeregt, schlendere über den neuen Festplatz. Es regnet ohne Unterbrechung. Überall haben sich schon große Pfützen gebildet. Mir macht das schlechte Wetter nichts aus, aber für unsere Betreuerinnen und Betreuer und die Zuschauer ist der Dauerregen natürlich sehr unerfreulich.

Um kurz nach 21 Uhr machen wir uns auf den Weg in die Innenstadt zum Start. Es hat kurz aufgehört zu regnen, doch die Wetterprognosen sind nicht gut und so tragen wir alle unsere Regenjacken.

In der Menge entdecke ich Dieter Baumann, mein Idol der 90-er Jahre. Ich renne auf ihn zu, wir umarmen uns und Christine fotografiert uns beide. Ich freue mich!

Es geht los.

Ich bin nicht ganz so gerührt wie in den Vorjahren, vielleicht, weil ich in diesem Jahr gar nicht so viel Zeit hatte, mich auf Biel einzustellen. Keine Gedanken an meinen ersten Lauf in Biel vor 15 Jahren.

Ich habe mir vorgenommen, während des Laufes nur das Allernötigste zu sprechen. Ich möchte einen ganz ruhigen schönen Lauf haben, meditieren, nachdenken und still sein.

Ich beabsichtige ein konstantes Tempo von etwa sieben bis acht Kilometern in der Stunde einzuhalten. Schon lange sind mir schnelle Zeiten unwichtig. Mir geht es inzwischen darum ein gleichmäßiges Tempo zu laufen und unterwegs keinen schweren Einbruch zu erleiden.

Ich laufe ganz locker bis Aarberg, hier winken Christine und Susanne mir zu. Ich bleibe kurz stehen, um Christine ein Küßchen zu geben. Wir verabreden uns für das Wiedersehen in Kirchberg zwischen  fünf und sechs Uhr morgens.

„The times the are a-changin“ – dieses Lied von Bob Dylan hat mich im letzten Jahr zutiefst bewegt. Gegen zwei Uhr morgens ertönte dieses Stück aus einem Haus in einem kleinen Dorf, durch das wir in der Bieler Sommernacht liefen. Noch wochenlang danach habe ich immer wieder dieses Lied im Auto gehört und mich an die Nacht der Nächte zurück erinnert. Heute ist es dunkel im Haus, aber der alte Volvo parkt noch vor dem Haus.

Kaum Zuschauer unterwegs heute Nacht, kein Wunder bei diesem Regen.

Ich bin inzwischen klatschnass. Einige Male bin ich in knöcheltiefe Pfützen gelaufen. Aber mich stört das nicht. Ich laufe mein gleichmäßiges Tempo. Ich spreche kaum. Nur an den Verpflegungspunkten bedanke ich mich natürlich und verabschiede mich: „bis nächstes Jahr!“

Es geht mir gut! An den Verpflegungspunkten erfrische ich mich mit einem Becher Sponser Energiegetränk, dann zwei, manchmal drei Becher Bouillon, dazu leckeres Brot und zum Abschluß ein Sponser Powergel mit einem Becher Cola.

Ich habe keinerlei Magenprobleme, ich fühle mich wunderbar!

In bester Stimmung und in geplanter Zeit komme ich in Kirchberg an. Natürlich nervt mich der Dauerregen, aber ich fühle mich dennoch sehr wohl. Ich unterhalte mich mit Christine, wechsele die Strümpfe, ziehe ein frisches Shirt an und gebe Christine meine Stirnlampe und einige Utensilien, die ich nicht mehr benötige.

Welche Wohltat. Der Rucksack  ganz leicht und frische Sachen. Über die Hälfte ist geschafft. Als Krönung gibt es einen frischen Kaffee.

Nach der rund 15 minütigen Pause geht es weiter. Anfangs fühle ich mich wie eine alte rostige Maschine, aber recht schnell komme ich wieder in Schwung und leicht und locker laufe ich die nächsten 10 Kilometer über den Ho-Tschi-Min  Pfad und den Emmendamm.

Und irgendwann einmal wird es noch dunkel sein, wenn ich dort laufe, bisher war ich immer zu langsam…

Christine hatte ich gesagt, daß ich etwa 3 Stunden bis Bibern benötige, ich bin voll in meinem Plan. Die letzten 10 Kilometer haben mir gutgetan, ich bin bisher kaum gegangen, nur an den Steigungen. Ich bin auf Kurs für eine persönliche Bestzeit!

Ich habe richtig trainiert! Ich fühle mich körperlich und mental sehr gut!

Kilometer 70: Finish 30 Kilometer. Ich liebe dieses Schild! Nur noch ein lockerer Trainingslauf jetzt. Wenn alles gutgeht, keine drei Stunden mehr, dann ist es geschafft.

Nach genau 12 Stunden erreiche ich Kilometer 75: Bibern. Christine hat den Shuttle Bus verpaßt. Macht nichts. Ich halte kurz an um zu essen und zu trinken, dann laufe ich weiter. Ich kenne den Weg ganz genau. Die lange Steigung hoch und dann rollen lassen. Letztes Jahr konnte ich dort nicht rollen lassen. Gewandert bin ich. Dieses Jahr ist alles anders. Leicht und locker laufe ich die Straße hinunter.

Kilometer 80: mir ist unglaublich kalt!

Am Verpflegungspunkt: Energiegetränk, Bouillon, Brot, Cola, Powergel, Energieriegel.

10 Meter laufen. Stehenbleiben. Gehen.

Nicht aufgeben. Weitergehen. Du darfst nicht auskühlen. Ich bin doch schon ausgekühlt, oder etwa nicht? Ich wünsche mir Handschuhe. Ich muß es bis Kilometer 90 schaffen, dann ist es nicht mehr weit!

Energiegetränk, Bouillon, Brot, Powergel, Cola. An jedem Verpflegungspunkt tanke ich Energie für die nächsten 500 Meter. Gehen. Egal jetzt.

Kilometer 86 etwa: ich kann mich endlich unterstellen. Ich habe noch ein frisches trockenes T-Shirt im Rucksack, das mich wärmen wird. Ich bin gerettet! Das TorTour de Ruhr T-Shirt, mit dem ich ins Ziel einlaufen wollte. Die nassen Klammotten herunter. Das  trockene T-Shirt an. Nix da. Das Hemd ist beinahe genauso naß wie die Kleidung, die ich trage. Der Rucksack ist komplett durchnäßt. Fotoapparat und Handy sind glücklicherweise wasserdicht in einer Plastiktüte verpackt. Ich ziehe das nasse T-Shirt trotzdem an, vielleicht wärmt es ja ein wenig.

Weitergehen. Versuchen zu laufen. Warm werden.

Es gelingt mir tatsächlich, wieder leicht in Trab zu kommen.

Trotzdem friere ich immer noch sehr und ich schimpfe über die unerbittlich lange Asphaltstraße.

Ich schwöre mir nie wieder in Biel zu laufen! Nie wieder werde ich diesen Weg an der Aare laufen, nie wieder einen Fuß  auf diese einsame graue Asphaltstraße setzen!

Einige hundert Meter weiter: Jemand ruft mir zu: „Chapeau“! Ich liebe es, wenn mir jemand „Chapeau“ zuruft! Dann ist es nicht mehr weit.

Kilometer 90: Ab jetzt nur noch einstellige Kilometerangaben! Kilometer 95: ich schaffe es!

Aufgeben: Ich doch nicht! Niemals!

Die Sonne kommt heraus. Ich ziehe die Regenjacke aus, um sie an der Luft zu trocknen und hoffe, daß jetzt auch die nassen Kleider an meinem Körper trocknen.

Sofort friere ich wieder. Egal! Jetzt kann nichts mehr passieren!

Nicht mehr weit. Chapeau! Chapeau! Chapeau!

Kilometer 99! Ich habe es wieder geschafft! Natürlich habe ich es wieder geschafft! Natürlich habe ich nicht aufgegeben! Ich und aufgeben? Niemals!

Ich laufe locker und fröhlich ins Ziel! Mehr als 16 Stunden. Na und! Ich habe alles richtig gemacht. Nächstes Jahr muß ich wieder nach Biel! Und eigentlich war es doch auch gar nicht so schwer, oder?

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