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09 Jun

TorTour de Ruhr – Nomen est quasi omen

Der längste Nonstoplauf Deutschlands: Die TorTour de Ruhr. 230 Kilometer lang. Nonstop von Winterberg bis Duisburg. Günther Bruhn war dabei und schildert seine Gefühle, seine Qualen und sein glückliches Ende. 

Den ersten Marathon haben wir lächelnd absolviert. Nach dem zweiten Marathon haben wir gesagt: bald 100 Kilometer. Dann 115 Kilometer! Dann wurde es schwer!

Am Tag hat die Sonne gebrannt. Abends wurde es endlich etwas kühler, dann wurde es richtig kalt. In der Nacht habe ich gefroren.

Vor Müdigkeit habe ich geschwankt wie ein Betrunkener, hatte Angst im Gehen einzuschlafen und umzufallen, habe überlegt, mich auf eine Bank zu legen, um endlich ein paar Stunden zu schlafen. Ich habe mir vorgestellt, in einem schönen warmen Bett zu liegen. Ich denke daran, von einer Nachtschicht nach Hause zu kommen und schlafen zu gehen. Ich denke an Christine, die hoffentlich wenigstens ein paar Stunden schläft. Ich möchte auch nur noch schlafen!

Unterwegs bin ich vor meinem eigenen Schatten erschreckt. In der Dunkelheit und dem undurchdringlichen Nebel habe ich mich gefürchtet. Ein Mountainbiker kommt mir mitten in der Nacht auf einem Waldweg entgegen. Mir ist unheimlich.

Irgendwann in der Nacht schmerzt der linke Fuss so sehr, dass ich kaum noch auftreten kann. Ich kann nicht mehr laufen. Ich gehe und versuchen einen Schnitt von 6 Kilometer in der Stunde zu halten.

Im Morgengrauen staune ich über die phantastische Landschaft! Gegen Morgen sehe ich in weiter Ferne hell erleuchtete Industrieanlagen. Ich laufe eine leichte Steigung hoch, biege um eine Kurve und stehe vor einem riesigem gelben Schild mit schwarzer Aufschrift: DORTMUND!

Ich kann es kaum glauben: ich bin nach Dortmund gelaufen! Ich bin im Ruhrgebiet! Ich bin von Winterberg im Sauerland ins Ruhrgebiet gelaufen. Dortmund! Ruhrgebiet. Dortmund. Endlich im Ruhrgebiet!

Wie befreit laufe über eine lange Brücke über die Ruhr. Kein Mensch unterwegs weit und breit. Dann grüsst mich ein Autofahrer laut hupend! Bestimmt weiss er, dass ich nach Duisburg will. Ich bin gerührt und winke mit meiner Stirnlampe zurück. Ich habe jetzt etwa 130 Kilometer geschafft und bin sehr glücklich im Moment!

Weiterlaufen!

Es wird hell. Es ist aber immer noch sehr nebelig und kühl. Endlich hell. Meine Müdigkeit ist wie weggeblasen, ich freue mich auf den Tag!

Am Verpflegungspunkt Kilometer 155 wartet Christine schon auf mich: «Du hast bald 100 Meilen!» ruft sie mir zu und: «Du siehst gut aus!»

Ich setze mich auf eine Bank. Steppenhahn bringt mir ein belegtes Brötchen und einen Kaffee. Mir ist es beinahe peinlich, so umsorgt zu werden! Christine kümmert sich um mich, trägt Salbe auf und verbindet meinen angeschwollenen Knöchel, setzt sich zu mir, hält meine Hand. Sie ist auch müde. Sie hat mir alles abgenommen! Unermüdlich ist sie mit dem Auto parallel zum dem RuhrTalradweg gefahren, um mich etwa alle 5 bis 10 Kilometer zu versorgen. Sie hat die Getränke zubereitet, mir Brote geschmiert, Wechselkleidung vorbereitet und mir Mut zugesprochen! Christine war Tag und Nacht für mich da! Das ist Liebe!

Irgendwann kam Horst hinzu, um Dirk und mich mit dem Besenrad zu begleiten! Er hat unglaublich gutgetan! Wir drei haben munter miteinander geplaudert, und konnten gemeinsam schweigen und unseren Gedanken nachhängen.

Am Pfingstsonntag gegen 18:00 Uhr, nach etwa 177 Kilometern und 34 Stunden habe ich kurz darüber nachgedacht aufzuhören. Mein Kilometerschnitt ist auf rund 4,5 Kilometer pro Stunde gefallen und ich bin hundemüde. Ich kann kaum noch gehen.

Es ist noch so weit bis nach Duisburg! Ich bin sicher, anzukommen, aber ich brauche bestimmt noch mehr als 8 Stunden. Wenn ich nicht unterwegs einschlafe oder mich verlaufe. Christine legt mir einen nassen Waschlappen auf den Kopf – so gehe ich weiter. Spaziergänger schauen mich entgeistert an.
Wenn es nur nicht so weit wäre bis Duisburg! 50 Kilometer noch!

Christine ist wieder da, nimmt meine Hand und begleitet mich ein Stück.

Ich will nach Duisburg! Ich bin doch schon durch Dortmund, Bochum und Essen gelaufen! Ich bin doch nicht Tag und Nacht gelaufen um jetzt aufzuhören! Ich habe einen unglaublichen Willen! Der Kopf befiehlt dem Körper weiterzulaufen! Aber der kann nicht mehr! Ich werde langsamer.

Ich bin bei Kilometer 181! Ich habe 181 Kilometer nonstop laufend bewältigt! 181 Kilometer!

Es reicht! Ich höre auf! Es ist gut so! Alles ist gut!

Wir fahren ins Hostel nach Oberhausen. Alle klatschen als ich ankomme! Ich darf das schwarze TorTour de Ruhr-Shirt mit Stolz tragen!

Die TorTour de Ruhr 2010 war ein phantastisches Erlebnis:

Ich habe unterwegs viel über mich erfahren!
Ich habe tolle Menschen kennengelernt!
Ich bin mit einer wundervollen Frau verheiratet!

Ich bin sehr glücklich!

6 Kommentare zu “Laufbericht TorTour de Ruhr 2010”

  1. Der lange Kollege von nebenan sagt

    9. Juni 2010, 09:59

    Wow Günther,
    dein Bericht ist so nüchtern und trotzdem so detailiert. Das liest sich alles, wie einer der im Meer verlassen auf dem Wasser treibt und seine letzte SOS Leuchtkugel abschießt. Du hast es geschafft und Du bist wieder ein Stück über Dich hinausgewachsen. Gratulation, Glück, Harmonie, Ganzheit…
    Du bist glücklich!
    Klasse!

  2. Susanne sagt

    12. Juni 2010, 02:39

    Hallo Günther,

    der „lange Kollege von nebenan“ hat super pointiert geschrieben, was ich auch denke- dem ist nichts hinzuzufügen:-). Danke für den tollen Bericht! Und liebe Grüße an deine Frau, die dich so sehr unterstützt hat! Vielleicht sehen wir uns mal wieder bei einem Lauf und erzählen uns im Ziel persönlich, wie es war:-).

    LG
    Susanne

  3. Remo sagt

    15. Juni 2010, 11:42

    Hallo Günther, wirklich krass. Dachte nicht, dass dies so möglich sein kann – nonstop so lange laufen. Ich ging bisher immer davon aus, dass im Verlauf von 24-36 h die Müdigkeit obsiegt, selbst wenn die Biomechanik noch funktioniert. Ich dachte irgendwann fällt man stolpernd oder einschlafend um…
    Respekt vor deinem Lauf an die Grenzen! Gruss, Remo

  4. mark becker sagt

    22. Juni 2010, 13:19

    hallo günther
    es war schön dich kennengelernt zu haben wir sind die ersten 115 km zusammen gelaufen und haben viel gelacht
    dein bericht ist echt gelungen mach weiter so

    lg mark

    mb@beckermark.de

  5. Steffen sagt

    27. Oktober 2010, 20:51

    Ich bin einfach nur sprachlos, ein toller Bericht, und der geht so tief!

    Herzliche Grüße,
    Steffen

  6. Alexander sagt

    10. Mai 2015, 22:11

    Lieber Günther,
    Gratulation! Ich denke gern an die Zeit in Berlin zurück mit Andreas & Co.
    Treffen wir uns mal wieder?
    LG Alexander

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